René Hubert - Biografie 1895-1924

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07.10.1895 - 05.06.1976

Schweizer Kostümdesigner

Kindheit und Jugend in St.Gallen

René Hubert mit seinen beiden Schwestern, Anfang der 1930er Jahre

René Hubert erblickt als René Eugen Huber am 7. Oktober 1895, als Stadtbürger von Frauenfeld, das Licht dieser Welt. Sein Vater Eugen und seine Mutter Rosa (geb. Ruckstuhl)[1] betreiben eine Reitanstalt in St. Gallen und vermieten Fuhr- und Reitpferde. Er wächst zusammen mit zwei Schwestern (1. Rosa «Rösli», verheiratete Steiger, 2. Name unbekannt) in St. Gallen auf und beginnt nach Abschluss der Schule eine Lehre als Strickereizeichner in einem der zahlreichen St. Galler Strickereiunternehmen. 

Dies befriedigt den kreativen Hubert aber nicht wirklich, und so bedrängt er seinen Vater so lange, bis dieser schliesslich einwilligt, und der 20-Jährige 1916, mitten in den Wirren des 1. Weltkriegs, nach Paris-Montparnasse reist und an der École des Beaux-Arts ein Studium in Kunst- und Malerei beginnt. Sehr schnell lebt sich der nur zu Anfang schüchterne, etwas hilflos und verloren wirkende[2] René Huber in Paris ein und nennt und schreibt sich alsbald Hubert. Er ist es lästig, ständig wiederholen zu müssen, dass man «Huber sans t» schreibt.[3] Eine weiterbildende malerische Ausbildung erhält der junge Student auch an der privaten und freieren Kunstschule Académie Colarossi.[4]

René Hubert Stillleben von 1918

Erste Erfolge in Paris

In Paris soll sich sein grosser Traum, ein berühmter Maler wie Amedeo Modigliani (welcher bereits ein Jahrzehnt zuvor die Académie Colarossi besuchte)[5] zu werden, jedoch nicht erfüllen. Es eröffnen sich aber ganz andere, ungeahnte Möglichkeiten. Durch seine Studienfreunde zur Teilnahme an einem Wettbewerb gedrängt, entwirft er einige Kostümzeichnungen und gewinnt prompt. Sein Studienfreund und Sohn von Madame Rasimi, welche zu dieser Zeit für die Kostüme und Garderoben am Ba-Ta-Clan-Theater in Paris zuständig ist, zeigt seiner Mutter die Entwürfe, und diese engagiert Hubert umgehend. Fortan entwirft er für 5 Francs pro Zeichnung Kostüme für die Revuen des Ba-Ta-Clan-Theaters.

Es dauert nicht lange, und auch andere grosse Revuetheater der Stadt werden auf den aufstrebenden, kreativen Maler aufmerksam. Und so wird er von 1921 an von den Folies Bergère, dem Casino de Paris, dem Théâtre de la Chauve-Souris, der Comédie-Française und der Opéra-Comique als Kostümdesigner engagiert. Das Verdikt der Zuschauer über die von Hubert gestalteten Kostüme ist eindeutig «Trés Parisienne». Damit ist der «Parisien Designer» geboren und bis Ende der 1930er Jahre wird Hubert nur noch als «The French Designer» bezeichnet werden. Seine kleinbürgerliche Schweizer Herkunft ist nicht förderlich für den Start einer grossen Weltkarriere.

Pariser Platz Berlin Hochsommerkleid von Hammer. René Hubert, 1922Für den Pariser Modeschöpfer und Fashiondesigner Jean Patou (der selber weder zeichnen noch schneidern kann) zeichnet und entwirft er schon früh Kleider. Auch für das Modehaus von Paul Poiret, das ab 1921 auch Theaterkostüme fertigt, arbeitet Hubert und das Berliner Modehaus Hammer verkauft bereits 1922 René-Hubert-Kreationen und wirbt mit seinen Entwürfen in deutschen Modezeitschriften.[6] Nebenbei beschäftigt er sich auch als Illustrator und zeichnet Ansichten von Paris, welche u.a. im österreichischen Magazin «Sport im Bild» in einem Artikel über «Paris im Freien» veröffentlicht werden.[7]

Die Welt zu entdecken und umherzureisen, gefällt Hubert, und nachdem er bereits 1919 in Buenos Aires, Argentinien und danach auch einige Zeit in Madrid, Spanien[8] verbracht und offenbar auch dort gearbeitet hat, zieht es ihn 1923 erstmals über den Nord-Atlantik in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er eine Stelle am Broadway als Kostüm- und Set-Designer beim Shubert Theatre in Manhattan, New York City, antritt.

Der Place de la Concorde am Nachmittag eines grossen Rennens in Paris. René Hubert, 1922

Rudolph Valentino in New York

In New York lernt er den damals grössten männlichen Weltstar und Inbegriff des «Latin-Lovers» Rudolph Valentino kennen welcher, zusammen mit seiner Ehefrau Natacha Rambova, gerade in den Vorbereitungen zu einem neuen Film steht, der zur Zeit von Frankreichs König Ludwig XV. am Hofe spielt. Als «Parisien Designer» und vermutlich auch durch die Empfehlung des Franzosen André Daven, der im Film eine Nebenrolle hat und den er wahrscheinlich schon aus seiner Zeit in Paris kennt und mit dem ihn eine lebenslange, enge Freundschaft verbindet, scheint Hubert der perfekte Mann für die Umsetzung historischer Kostüme zu sein. Er wird daraufhin als technischer Berater und Übersetzter von Kostümen von historischen Gemälden und Bildern aus dem Metropolitain Museum of Art in New York und von Bildern und Sketchen, die aus Frankreich stammen, beschäftigt. 

Mit «Monsieur Beaucaire» startet die Filmkarriere von Hubert, auch wenn er neben den für die Kostüme Hauptverantwortlichen Natacha Rambova und George Barbier nicht in den Filmcredits erwähnt wird. George Barbier zeichnet in Paris um die 160 Entwürfe nach Bildern von Boucher, Van Loon, Docque, Nattier, Latour und anderen Malern der Zeit König Ludwig XV.[9]. Natacha Rambova, die mit Rudolph Valentino noch 1923 nach Paris reist, entwirft etwa 60 Kostüme[10] vorwiegend für ihren Ehemann. René Hubert und Marjorie Nevius dürften für weitere der insgesamt über 300 angefertigten Kostümentwürfe verantwortlich sein.

Die über 300 Kostüme werden in Paris in den Ateliers von George Barbier angefertigt, jedes einzelne enthält teure Seide, Satin, Samt und feinste Spitzen. Insgesamt belaufen sich die Kosten für die historisch detailgetreu, oftmals in silberner Seide und königlich purpurnem Samt nachgebildeten Kostüme auf 1 Mio. Francs. Valentino und Rambova kehren Anfang 1924 nach Amerika zurück, um mit den Dreharbeiten für «Monsieur Beaucaire» in den Astoria Paramount Studios in Queens, New York, zu beginnen. Kostümentwürfe von George Barbier für den Film «Monsieur Beaucaire» 1924

Kostümentwurf von Natacha Rambova für Rudolph Valentino in Monsieur Beaucaire 1924

Bei den Dreharbeiten in New York ist Hubert als künstlerischer und technischer Berater tätig und teilweise auch als Übersetzer gefragt. So spricht die aus Frankreich stammende Paulette Duval kaum Englisch, sie ist erst seit kurzer Zeit in den USA bei den Ziegfield Follies als Tänzerin engagiert und spielt in «Monsieur Beaucaire» als Madame Pompadour ihre erste Filmrolle in den USA.[11] Neben dem Drapieren der aufwändigen Hof-Kostüme und dem historisch korrekten Einrichten der Dekorationen[12] steht Hubert auch zur Stelle, wenn die der Zeit des frühen 18.Jh entsprechenden Tischmanieren bei einem Abendessen am Hof gefragt sind.[13] 

Über Natacha Rambova sagt Hubert später: «Die Rambova glaubte einfach, alles zu können, es störte sie überhaupt nicht, dass in der Dekoration ein Louis-Philippe neben einem Louis-XV.-Fauteuil stand. Ich sagte ihr auf Französisch, das sie sehr gut sprach, «Madame, das geht doch so nicht.». Darauf sie nur: «Warum? Hauptsache, es ist ein Louis!»[14] 

Nachdem er am Century Theatre in New York für «The Love Song» die Kostüme und das Set-Design gestaltete[15], verlässt Hubert New York im Sommer 1924 Richtung Berlin, wo er unter der Regie von Max Reinhardt und der künstlerischen Leitung von Ernst Stern am Grossen Schauspielhaus in der Revue «An Alle» die Kostüme gestaltete – zusammen mit Eric Charell und Walter Trier auch das Set-Design.[16] Die mehr als 100 Aufführungen in Berlin werden von über einer halben Million Besuchern gesehen. Im März 1925 wird die Revue auch in Wien am Ronacher-Theater aufgeführt.[17]

Gloria in Paris

Im November 1924 erscheint in der englischsprachigen «The Paris Times» ein kleines Portrait über René Hubert «one of the busiest artists at Montparnasse .... commissions have come his way so rapidly that his face constantly wears a broad grin

Im Herbst 1924 zieht es Hubert zurück in sein geliebtes Paris und er beginnt umgehend, für das Ambassador, das Palace und das Concert Mayol Revuen auszustatten. Bereits im September wird er als technischer Direktor für die künstlerische Arbeit am Film «Madame Sans-Gêne» engagiert.[18] Der Film spielt zur Zeit Napoleons und erzählt die Geschichte einer französischen Wäscherin, die Herzogin und die Geliebte Napoleons wird. Laut der Biografie « Swanson on Swanson » ist es Henry de La Falaise, der künftige und dritte Ehemann von Gloria Swanson, der den jungen Kostümdesigner an den Publizisten André Daven, den Drehbuchautoren Forrest Halsey und Regisseur Léonce Perret empfohlen hat. Jedoch dürfte André Daven seinen guten Freund René Hubert schon zuvor als Kostümdesigner im Visier gehabt haben. Gloria Swanson und der Marquis Henry de La Falaise, kurz nach der Hochzeit in Paris am 28. Januar 1925 (Photo G.L. Manuel Frères)

René Hubert wird Gloria Swanson vorgestellt, nachdem er erste Kostümentwürfe gezeichnet hat.  Sein französischer Charme, sein Humor und seine gute englische Sprache dürften, neben den überzeugenden Kostümentwürfen, ausschlaggebend dafür sein, dass ihm Gloria sofort verfallen ist. Die Gestaltung der Kostüme für den Film «Madame Sans-Gêne» wird ausführlich besprochen, und schon bald begleitet er sie auf Shopping-Touren durch die exklusiven Pariser Modegeschäfte, führt sie aber auch in die kleinen Läden, die nur die Pariserinnen kennen. So kommen an einem Tag auch schon mal 40 neue Hüte für die Garderobe der Swanson dazu.[19]

Mit der Fertigung der Kostüme werden die Pariser Modehäuser, Lucile,[20] Garnier und Pascaud beauftragt, sie sollen die Uniformen und Kleider für den Kaiserlichen Hof nach Huberts Entwürfen fertigen. Für seine Recherchen hat er auch mit dem Museum Carnavalet zusammengearbeitet, welches eine grosse Sammlung aus der Zeit Napoleons besitzt.[21]

Während den Dreharbeiten verliebt sich Gloria Swanson in den von der Produktionsgesellschaft Paramount als Übersetzer angestellten Henry de La Falaise, einen Adeligen mit dem Titel Marquis de La Coudraye. Am Hochzeitstag der beiden, dem 28. Januar 1925 in Paris, ist René Hubert einer der wenigen geladenen Gäste – neben Glorias Mutter Adelaide Burns, dem Baron d’Aiguy, Henrys Bruder Alain de La Falaise, André Daven, M. Salignac de Fénelon, Léonce Perret mit Ehefrau und Hewlett Johnson von der US-Botschaft.[22] Hubert und de La Falaise kannten sich schon zuvor und sind auch nach der Scheidung von Gloria Swanson 1931 noch eng befreundet.

Gloria Swanson ist von Huberts modischer Kreativität und seiner sympathischen Persönlichkeit begeistert und bietet ihm einen Exklusivvertrag an, sie in die USA zu begleiten und künftig ihre gesamten Filmkostüme als auch private Garderobe zu gestalten. Die Swanson ist zu dieser Zeit der grösste Filmstar und gilt als die bestgekleidete Frau im Showbusiness, sie ist das Clothes-Horse der 20er Jahre! Dies ist René Huberts endgültiger Einstieg ins Filmbusiness, Hollywood kann kommen.

Rolf Ramseier, Mai 2021


Quelle Biografie:

[1] Ch. Wapp, schwulengeschichte.ch

[2] Swissair Gazzette_1960_The Man who dresses Filmstars and Aircraft

[3] Interview Schweizer Fernsehen 1975

[4] Il Solo Erte, Angelo Luerti

[5] The CHINA MAIL 11. May 1961

[6] Magazin STYL¸ Heft V/VI 1922

[7] Sport im Bild Heft 2728 1922

[8] The Tennessean Page 38 19.Juli 1925

[9] Evening star. July 06, 1924

[10] christies.com/en/lot/lot-5374915

[11] The Courier-Journal Page 23 13. Juli 1924

[12] The Chicago Tribune 15. September 1924

[13] Dayton Daily News 30. März 1924

[14] Wir Brückenbauer, 12. März 1976

[15] 250719, Page 38 - The Tennessean

[16] Die Stunde 6. März 1925

[17] Die Bühne Heft 18 12. März 1925

[18] Bonsoir, 17 septembre 1924

[19] The Indianapolis Star Page 65 25. Januar 1925

[20] 250419, 53 - Evening Star

[21] L'écran illustré 1925

[22] Comœdia, 29 janvier 1925